Mitarbeiter müssen sich wohlfühlen

Interview mit Prof. Dr. Axel Olaf Kern *, Hochschule Ravensburg-Weingarten –

Ist ein Betrieb krank, dann gibt es ein Rezept. Für Prof. Dr. Axel Olaf Kern von der Hochschule Ravensburg-Weingarten ist es wichtig, dass im Unternehmen Strukturen geschaffen werden, „die es allen Mitarbeitern ermöglicht, einen Zustand des Wohlbefindens, der Mitsprache, des Ernstgenommenwerdens zu erleben.“ Hier der erste Teil des Interviews mit dem Experten für Gesundheitsökonomie.

Bis 2006 sind die Krankheitstage von Mitarbeitern kontinuierlich gesunken. Seitdem steigen sie wieder. Auffällig ist dabei der Anstieg der psychischen Erkrankungen. Was stimmt nicht in Deutschlands Firmen?

Prof. Axel O. Kern: In der Tat ist es auffallend und lässt sich in verschiedenen Statistiken ablesen, dass psychische Krankheiten in den letzten Jahren überproportional zugenommen haben. Allerdings ist bislang nicht klar, wie der Zusammenhang ist. Es kann zunächst daran liegen, dass vermehrt auf psychische Krankheiten geachtet wird und so ein Anstieg zu verzeichnen ist. Nicht zu unterschätzen ist jedoch, dass sich Mitarbeiter in der heutigen Arbeitswelt, die von einer erheblichen Arbeitsverdichtung gekennzeichnet ist, eine Auszeit nicht mehr mit „Rücken“ oder „Verspannung“ nehmen können, da mit modernen Diagnoseverfahren sehr präzise ermittelt werden kann, welche Gründe zumindest ausscheiden. Und hierzu zählen viele organische Krankheiten. So steht anzunehmen, dass sich Mitarbeiter in psychische Krankheiten „flüchten“, um eine Auszeit vom Arbeitsdruck zu erhalten. Jedoch kann konstatiert werden, dass die Arbeitsbelastung, welche sich als Produktivität positiv messen lässt, in den letzten 20 Jahren deutlich zugenommen hat.

Viele Betriebe reagieren mit einem Gesundheitsmanagement. Welche Maßnahmen sind da besonders erfolgversprechend?

Prof. Axel O. Kern: Grundsätzlich ist hier zu unterscheiden zwischen Gesundheitsförderung und Gesundheitsmanagement. Gesundheitsförderung setzt an allgemeinen, die physische Gesundheit im engeren Sinne fördernden Maßnahmen an, wie Bewegung und Ernährung und Entspannungstechniken. Gesundheitsmanagement nimmt die betrieblichen organisatorischen und hierarchischen Momente unter die Lupe und hilft den Führungskräften und Mitarbeitern sich hierin zu verbessern und verstärkt auf die psychische Gesundheit einzugehen. Wohlbefinden, wie es in den USA als wellbeing formuliert wird, geht weit über Gesundheitsförderung hinaus und adressiert Organisationsstrukturen und auch das private Umfeld der Beschäftigten, da – wie aus Untersuchungen bekannt – sowohl die tägliche Arbeit sich auf das Privatleben als auch die privaten Glücksmomente sowie Sorgen und Nöte im Privaten sich in erheblichem Maße auf das Unternehmen auswirken. Deshalb ist nicht e i n e Maßnahme erfolgversprechend. Erfolgversprechend ist: die Haltung der Führungskräfte und der Mitarbeiter so zu bewegen, dass organisatorische Strukturen geschaffen werden, die es allen Mitarbeitern ermöglicht, einen Zustand des Wohlbefindens, der Mitsprache, des Ernstgenommenwerdens zu erleben. Dann wird die Belegschaft ihr Privates in den Erfolg des Unternehmens einzubringen wissen.

Von wem sollte die Initiative für ein betriebliches Gesundheitsmanagement ausgehen – von den Mitarbeitern, vom Betriebsrat, vom Chef? Ist betriebliches Gesundheitsmanagement eine Führungsaufgabe?

Prof. Axel O. Kern: Gesundheitsmanagement IST Führungsaufgabe. Verstehen die Leitungskräfte, die Chefs, nicht, dass Wohlbefinden einen enorm zu Arbeitserfolg beiträgt, dann können Personalabteilung, Betriebsrat und die Mitarbeiter nicht viel ausrichten. Dabei ist es wichtig hervorzuheben, dass Gesundheitsmanagement nicht Apfeltag, Jogakurs und Rückenschule ist. Vielmehr ist es wichtig allen Mitarbeiterin die Sinnhaftigkeit und Bedeutung deren Arbeit zu vermitteln. Aufgabe der Führungskraft ist es, den Mitarbeitern glaubhaft zu vermitteln, wie wichtig deren Beitrag zum Ergebnis des Unternehmens ist. Identifizieren sich die Mitarbeiter mit dem Unternehmen und erfahren – auch in einfacheren Tätigkeiten – diese Wertschätzung entwickelt sich ganz selbstverständlich Freude an der Arbeit. Dann überlegen die Mitarbeiter am Sonntag nicht, wie sie Montag blau machen können, sondern sie werden sich fragen, weshalb nicht bereits Montag ist. Dies muss das wahre Ziel einer Führungskraft sein: Mitarbeiter motivieren. Alle unter dem Label „Gesundheit“ firmierenden Angebote sind solange nutzlos, wie diese nicht mit Leben erfüllt sind, dass die Mitarbeiter wertgeschätzt werden in ihrer jeweiligen Aufgabe. Klar ist jedoch auch, dass BGM und alle Maßnahmen zur Gesundheitsförderung im Unternehmen dann und nur dann angeboten werden, wie diese sich rechnen durch eine verbesserte Performance der Mitarbeiter.

 

* Dr. Axel Olaf Kern ist Professor für Gesundheitsökonomie, Sozial- und Gesundheitsmanagement, Sozialpolitik sowie Volks- und Betriebswirtschaftslehre. An der Hochschule Ravensburg-Weingarten betreut er den Studiengang „Gesundheitsökonomie“. Dieser ist einmalig in Baden-Württemberg. Der Studiengang beschäftigt sich mit der Frage, wie die wachsende Nachfrage im Gesundheitsmarkt finanziert werden kann. Dazu gehört auch die Frage, wie Unternehmen und Berufsgruppen zusammenwirken können, damit Krankheiten gar nicht erst entstehen.

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