Ausfälle können nicht kompensiert werden

3. Teil des Interviews mit Prof. Dr. Axel Olaf Kern*, Hochschule Ravensburg-Weingarten

Für Klein- und Mittelbetriebe ist die Gesundheit der Mitarbeiter von vitaler Bedeutung, da krankheitsbedingte Ausfälle von Mitarbeitern auf Grund der dünnen Personaldecke schlecht kompensiert werden können. Deshalb ist Gesundheitsmanagement gerade in Betrieben dieser Größenordnung besonders wichtig. Hier der dritte Teil des Interviews mit Prof. Dr. Axel Olaf Kern, dem Experten für Gesundheitsökonomie an der Hochschule Ravensburg/Weingarten.

Über 90 Prozent der deutschen Firmen sind Klein- und Mittelbetriebe. Sind diese Unternehmen nicht überfordert, ein betriebliches Gesundheitsmanagement aufzubauen? Wer kann Ihnen helfen?

Für Klein- und Mittelbetriebe jedoch gerade auch für die vielen Kleinstbetriebe ist die Gesundheit der Mitarbeiter von vitaler Bedeutung, da krankheitsbedingte Ausfälle von Mitarbeitern auf Grund der „dünnen“ Personaldecke oftmals kaum oder gar nicht kompensiert werden können. Dies unterstreicht, dass diese Unternehmen noch viel mehr auf gesunde Mitarbeiter angewiesen sind, zumal betriebsspezifisches Wissen überwiegend in Mitarbeitern gespeichert ist und nicht personenunabhängig. Zugleich wissen wir jedoch, dass alleine die Bezeichnung „Betriebliches Gesundheitsmanagement“ abschreckend wirkt und so wahrgenommen wird, dass lediglich Großunternehmen dies etwas angehe oder diese es personell schultern können. „Gesundheitsförderliche Unternehmensführung“ könnte als Label helfen, die Bedenken zu mindern, da insbesondere die Einstellung der Unternehmerpersönlichkeit und deren Führungsstil maßgeblich die Gesundheit und den Krankenstand beeinflussen. Und diese persönliche Haltung des Eigentümers und der Führungskräfte kann auch in Kleinst-, Klein- und mittleren Unternehmen wenig kostenintensiv und mit moderatem Aufwand realisiert werden, zumal bekannt ist, dass eine Führungskraft die Krankheitsquote von Abteilung zu Abteilung und von Unternehmen zu Unternehmen gleichsam mitnimmt. Somit ist für diese Unternehmensgrößen zunächst die eigene Einsicht, dass die Gesundheit der Mitarbeiter existenziell ist, von größter Bedeutung. Sollte diese Einsicht gewonnen sein, so ist es äußerst hilfreich, dass ein Blick von außen auf die Situation im Unternehmen einbezogen wird. Es gibt einige gute Instrumente, die bei diesem Blick von außen helfen. Qualifizierte Unternehmensberater sind wahrlich hilfreich. Die Kosten für eine seriöse externe Analyse und Beratung sind weit geringer im Vergleich zu den Kosten für krankheitsbedingte Produktionsausfälle und Lohnfortzahlung. Bei der Analyse wird oft auch erkennbar, dass der Unternehmer – insbesondere Familienunternehmer – bereits hervorragende Führungseigenschaften aufweisen und sich so die Maßnahmen in engen Grenzen halten, um den Betrieb krankheitsfest zu machen.

Woran erkennt ein Unternehmer, dass in seinem Betrieb ein betriebliches Gesundheitsmanagement erforderlich ist und welche konkreten Maßnahmen erforderlich sind?

Primär sollte der Unternehmer nicht warten, bis negative Zahlen ihn zum Handeln zwingen. Im Sinne des Kaizen, der permanenten Verbesserung, wäre ein jährliches Assessment der Mitarbeiterzufriedenheit empfehlenswert. Neben den Routinedaten aus der Personalabteilung sind auch Schnelltest-Tools wertvoll, die mit wenigen Fragen bei den Mitarbeitern erkennen lassen, ob sich frühe Anzeichen zeigen, die Krankheitsfolgen erwarten lassen. Dabei ist auch und insbesondere auf die Einflüsse aus dem privaten Lebensumfeld der Mitarbeiter zu achten. Wenn auch Unternehmer oftmals anführen, dass das Privatleben nicht Sache des Unternehmens ist, so sind doch Folgen aus privaten Lebensumständen sehr wesentlich auch für die Gesundheit im Betrieb und die betriebliche Gesundheit. So wie das berufliche Erleben in das Privatleben ausstrahlt, strahlt auch das private Erleben auf die betrieblichen Abläufe und das Verhalten des Mitarbeiters im Unternehmen aus.

Der Studiengang „Gesundheitsökonomie“ in Ravensburg-Weingarten ist in Baden-Württemberg einmalig. Zeigt das nicht auf, dass das betriebliche Gesundheitsmanagement in der Vergangenheit vernachlässigt wurde?

Gesundheitsökonomie befasst sich mit allen wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen rund um das Themenfeld Gesundheit. Dazu zählen Fragen der Finanzierung von Gesundheitsleistungen durch Steuern und Krankenversicherungsbeiträge ebenso wie die Vergütung von Leistungen im Krankenhaus, bei Ärzten, für Arznei-, Heil- und Hilfsmittel in der Krankenversorgung. Es zählt jedoch auch dazu, und dies vergessen viele Menschen, dass sich Gesundheitsökonomie mit den Nutzen von Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung befasst. Im engeren Sinne zählen hier auch dazu die Zusammenhänge in Unternehmen sowohl zwischen Führungsverhalten und Unternehmenserfolg als auch von Krankheit und Produktionseinbußen zu erfassen und Handlungsoptionen aufzuzeigen. Insoweit ist der Studiengang von großer Bedeutung nicht nur in der Schaffung von Informationen und Lösungsmodellen für Unternehmen der Region sondern auch in volkswirtschaftlicher Sicht, damit Unternehmen fit und gesund sind für den internationalen Wettbewerb und damit zur Stabilität der Deutschen Wirtschaft beitragen zu können. Die Sicherung der Arbeitsplätze ist dabei oberstes Ziel.

*Dr. Axel Olaf Kern ist Professor für Gesundheitsökonomie, Sozial- und Gesundheitsmanagement, Sozialpolitik sowie Volks- und Betriebswirtschaftslehre. An der Hochschule Ravensburg-Weingarten betreut er den Studiengang „Gesundheitsökonomie“. Dieser ist einmalig in Baden-Württemberg. Der Studiengang beschäftigt sich mit der Frage, wie die wachsende Nachfrage im Gesundheitsmarkt finanziert werden kann. Dazu gehört auch die Frage, wie Unternehmen und Berufsgruppen zusammenwirken können, damit Krankheiten gar nicht erst entstehen.

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