Schreibe Tagebuch!

Es gibt Dinge, die im Facebook-Zeitalter noch altmodischer geworden sind als das Verfassen von persönlichen Briefen – ich meine das Schreiben von Tagebüchern. Was früher im Jugendalter gerade bei Mädchen weit verbreitet war, hat heutzutage etwas Schrulliges. Tag für Tag setzt man sich hin und notiert fleißig die Ereignisse des Tages, es werden Gefühle formuliert und notiert, die man ansonsten nicht aussprechen würde.

In der Gegenwart wird vor allem von der nachrückenden Generation alles immer sofort rausgepustet und damit öffentlich gemacht. Man fragt sich zuweilen: Gibt es denn keine kleinen Geheimnisse mehr, die man für sich behalten will?

Wenn nun der Autor Don Roff den Menschen, die etwas für die Leistungsfähigkeit ihres Gehirns tun wollen, empfiehlt, Tagebuch zu schreiben, dann kommt es einem zunächst sehr old-fashioned vor. Doch bei näherer Betrachtung dieser neuen, alten Idee, wächst die Einsicht, dass da etwas dran sein könnte. Und das nicht nur für pubertierende Heranwachsende, sondern für Menschen, die mitten im (Berufs-)Leben stehen.

Denn das ist heutzutage mehr denn je faktenbezogen. Erfolg oder Nichterfolg lassen sich messen – meistens in der Maßeinheit Geld. Wie man sich bei Erreichen der Zielvorgaben fühlt oder aus welchen menschlichen Schwächen man diese nicht erreicht, interessiert niemanden. Meistens jedenfalls.

Ein solches Arbeitsklima ist weit verbreitet. Da es im Berufsleben häufig an Möglichkeiten fehlt, seine Emotionen anzusprechen, ist es zumindest die zweitbeste Lösung, sie in einem Tagebuch zu notieren und auf diese Weise loszuwerden. Im Normalfall erspart das den Therapeuten. Zumindest führt es zu einem besseren Umgang mit Stress.

Doch nicht nur aus Sicht eines Betriebspsychologen macht ein Tagebuch Sinn, es hilft auch bei der Verbesserung der Fähigkeit, die Arbeit gut zu organisieren. Wer Tagebuch schreibt, sortiert seine Gedanken, unterscheidet, was wichtig ist und was nicht. Vielleicht nach anderen Kriterien als im Büroalltag, aber das macht in diesem Fall nichts. Es kommt darauf, sich die grundsätzlichen Fähigkeiten zu erarbeiten.

1 Kommentar zu "Schreibe Tagebuch!"

  1. Kann ich nur unterstreichen. Nach zwei vorübergehenden Phasen in Kindheit und Jugend habe ich Mitte 20 (1976) wieder angefangen Tagebuch schreiben und mache es immer noch.
    Mittlerweile als Heilpraktiker empfehle ich es meinen Klienten bei Depressionen und leichten Traumata. Diese „Schreibtherapie“ ähnelt der Narrativen Expositionstherapie, die auch zur Traumabehandlung eingesetzt wird.
    Auf dem Buchmarkt gibt es haufenweise Bücher in denen Menschen schlimme eigene Erlebnisse verarbeiten. Ich selbst habe über das Mobbing meiner Chefs auf meiner eigenen Homepage geschrieben. Die Seite der Polizei-Poeten ist ursprünglich aus diesem Zweck entstanden. Es wirkt.
    https://de.wikipedia.org/wiki/Narrative_Expositionstherapie
    http://www.polizei-poeten.de/

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